Aus Die NRW-Stiftung 2/1997

Denkmalschutz an stillem Ort

 

Stille Örtchen sind zwar außerordentlich geschätzt, aber selten. Vor allem in der Großstadt. Das liegt daran, dass sie, wie alle seltenen Güter, teuer sind. Immer mehr Kommunen können sich die „Bedürfnisanstalten“ einfach nicht mehr leisten. Auch im Bochumer Stadtpark müssen sich Flaneure seit einigen Jahren wieder in die Büsche schlagen, wenn sie auf ihrem Spaziergang einen gewissen Druck verspüren. Na gut, sagte sich die Kortum-Gesellschaft, das öffentliche Bedürfnis können wir zwar nicht stillen, aber das stillgelegte Örtchen, das wollen wir haben.

Seither war es am Eingang zum Bochumer Stadtpark gar nicht mehr so still. Wo einst nur die Rinnsale der Wasserspülung leise in den Becken murmelten, waren über ein Jahr lang jugendliche Auszubildende des Vereins Horizonte beim Hämmern, Sägen, Schleifen und Bohren zu belauschen. Doch auch dieser Zustand ist nun vorbei. Am 23. November wurde das neue Domizil der Bochumer Kortum-Gesellschaft offiziell eingeweiht. Ab jetzt wird der Heimat- und Denkmalpflegeverein hier nicht nur seine umfangreiche Bibliothek, sondern bei seinen regelmäßgen Veranstaltungen auch bis zu 40 Besucher unterbringen können.

„Natürlich haben einige Leute zuerst die Nase gerümpft, als wir ihnen von unserem Vorhaben erzählten”, sagt der 2. Vorsitzende der Kortum-Gesellschaft, Hans Hanke. Doch auf den zweiten Blick ist die Idee, ausgerechnet in ein öffentliches WC zu ziehen, gar nicht so abwegig. Ort und Umgebung haben schließlich einiges zu bieten.

So ist die Grünanlage in der Nähe der Bochumer City der älteste kommunale Park im Ruhrgebiet. Schon 1871, als der letzte Kuhhirte sich vom damaligen Anger machte, beschlossen die Stadtoberen, der gerade aufblühenden Industriestadt einen öffentlichen Park zu spendieren. Die Bürger freute es, und als die Stadt an der Ruhr in den wilden Zwanzigern zur Boomtown der Montanindustrie avancierte, gab es als Geste des guten Geschmacks sogar noch ein besonderes Geschenk: ein öffentliches Klo.

„Man sieht, dass sich die Erbauer wirklich Mühe gegeben haben, ein auch architektonisch anspruchsvolles Haus zu bauen“, erläutert Hanke, von Beruf selbst Denkmalpfleger. Vom sternförmigen Dachkamin über die hellgrauen Querfugen bis zur Gestaltung der über Eck gezogenen Fensterreihen ist das quadratische Parkhäuschen aus dem Jahr 1925 ein typisches Beispiel für die expressionistische Backsteinarchitektur seiner Zeit. Und das passt wiederum hervorragend zu den inhaltlichen Zielen der Kortum-Gesellschaft.

Der Verein, benannt nach dem Arzt, Naturwissenschaftler, Historiker, Maler und Autor Carl Arnold Kortum (1745-1824), kümmert sich seit 1921 um die Geschichte der Stadt und die Erhaltung wichtiger Denkmäler. Dank der Kortum-Gesellschaft gibt es zum Beispiel in Bochum noch einen Stadtpark. Auf der Grünfläche sollte nämlich schon einmal ein Hotel gebaut werden. Erst heftige Proteste aus der Bürgerschaft sorgten dafür, dass die Anlage in ihrer Gesamtheit erhalten blieb und sogar als Baudenkmal gilt.

Das außergewöhnliche und vielfältige Engagement der Kortum-Gesellschaft ist in diesem Jahr mit dem deutschen Preis für Denkmalschutz belohnt worden. Dies ist die höchste Auszeichnung für Denkmalschützer in der Republik. Das Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz vergab eine von insgesamt vier „Silbernen Halbkugeln“ nach Bochum.

Bei so viel prämierter Initiative und Know-how in Sachen Denkmalpflege ist klar, dass bei der Neunutzung es Toilettenhäuschens – das bei der Preisvergabe eine wichtige Rolle gespielt hat – möglichst wenig verändert wird. Nur im Eingangsbereich entsteht ein zusätzlicher Raum. Dafür werden die elegant-schlichten Außenleuchten, die Damen und Herren den rechten Weg zum richtigen Eingang wiesen, vom Rost befreit und als architektonische Details auch weiterhin die Ecken des Häuschens zieren – allerdings ohne die geschlechtsspezifischen Hinweise, die früher einen Ablauf ohne Scham und Schrecken garantierten.

Im Inneren musste ein Teil der ursprünglichen Installation einem großen Veranstaltungsraum weichen. An den Wänden finden sich jedoch noch immer die blauen Kacheln aus den zwanziger Jahren, die das Ambiente der Innenräume prägten und dem Besucher ein bisschen von der früheren Atmosphäre vermitteln. Der Sanitärbereich des neuen Vereinshauses wird zudem voll funktionsfähig einen Teil jener Einrichtung behalten, der vielen Bochumern noch aus der Zeit bekannt sein müsste, als hier ein eher hektisches Kommen und Gehen herrschte.

Regen Besucherandrang wünschen sich die 200 Mitglieder der Kortum-Gesellschaft natürlich auch für die Zukunft. Als Bibliothek mit 1.500 Bänden zur Stadtgeschichte und als Veranstaltungsort geben sie dem Toilettenhäuschen eine neue Funktion, die nicht nur zu einem Kurzbesuch, sondern zu einer Verweildauer einlädt, die deutlich über dem früheren Durchschnitt liegen dürfte.

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„Die NRW-Stiftung“ ist das Mitgliedermagazin der NRW-Stiftung Natur, Heimat, Kultur (damals noch „Naturschutz, Heimat- und Kulturpflege“). Ich habe von 1989 bis 1999 für das Magazin als freier Autor und Redakteur gearbeitet.

 

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