Erschienen im Kundenmagazin MPC-Life der MPC Capital AG, Ausgabe 3/2004

Die clevere Stadt

Kanadas Wirtschaftsmetropole Toronto hat genug von Zersiedelung, Staus und Energieverschwendung. Wie es besser geht, will sie in ihren verlassenen Hafenvierteln zeigen.

 

Robert Fung hat eine Vision. In den kommenden drei Jahrzehnten soll Toronto der Welt zeigen, was eine Metropole ist. Eine Stadt des 21. Jahrhunderts, in der sich wirtschaftliche Dynamik, lebendige Stadtviertel und der Schutz natürlicher Ressourcen zu einer produktiven Koalition für die nachhaltige Entwicklung der 5-Millionen-Agglomeration Toronto zusammenfinden.

Ob diese Vision Wirklichkeit wird, entscheidet sich am Wasser, der 46 Kilometer langen Waterfront entlang des Ontario-Sees. Hier will Fung, Präsident der Projektgesellschaft Toronto Waterfront Revitalization Corporation (TWRC), neue Stadtviertel wachsen lassen, in denen junge Menschen und Familien ein Zuhause und kreative Köpfe aus aller Welt Arbeit finden. Den Plan dazu hat er vor einigen Jahren für die Stadt Toronto entwickelt. Jetzt ist der ehemalige Investmentbanker angetreten, der Stadt ein neues Gesicht zu geben.

Toronto-Besucher im Jahr 2035, so die Vorstellung von Fung und der TWRC, erwartet an der Waterfront eine Perlenkette aus Parks und Stränden, die moderne, quietschvergnügte Stadtviertel miteinander verbinden. Entlang des Wassers treffen sich Fußgänger und Radfahrer, Parkbesucher und Kulturbegeisterte, die hier Museen, Konzerte und Festivals besuchen. Kulturkorridore zu den musealen und architektonischen Highlights der City legen sich wie ein Netz über die Stadt und binden die Waterfront auch in die legendären multikulturellen Neighborhoods Torontos ein. Dank der massiven Förderung des Öffentlichen Nahverkehrs und strenger Umweltschutz- und Energiesparrichtlinien sind Luft- und Wasserqualität so gut wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Und natürlich hat sich auch die wirtschaftliche Dynamik der Stadt positiv entwickelt. Denn in den einstmals herunterkommenen Docks haben sich Technologiefirmen angesiedelt, um von der einmaligen Atmosphäre des neuen Kanadas zu profitieren.

Für die nach Los Angeles, New York und Chicago viertgrößte Metropolregion Nordamerikas ist diese Vision von der Erneuerung des – für kanadische Verhältnisse vergleichsweise kleinen und schmalen – Küstenstreifens bereits jetzt von enormer Bedeutung. Christopher Hume, Kolumnist der ehrwürdigen Tageszeitung Toronto Star, berichtet seinen Lesern fast wöchentlich von den Projekten an der Waterfront. Kürzlich war er sogar in Kopenhagen, um sich einen Eindruck davon zu verschaffen, wie andere Städte mit ihrer Wasserkante umgehen. Sein Urteil hat Gewicht in der Stadt, und es ist eindeutig: „Wenn wir die Waterfront nicht hinbekommen“, warnt der Journalist, „können wir die Zukunft vergessen“.

Höchstmaß urbaner Langeweile

Um herauszufinden, warum die Waterfront so wichtig ist und warum Toronto einen anderen Weg der Stadtentwicklung einschlagen will, muss man vom Stadtzentrum aus etwa einhundert Kilometer nach Norden fahren. Natürlich mit dem Auto. Erst hier, irgendwo an den südlichen Ufern des Lake Simcoe, hört Toronto auf. Auf dem Weg hierhin wird man die meiste Zeit durch nicht enden wollende Vororte aus Einfamilienhäusern gefahren sein, die nach dem scheinbar unabänderlichen Plan gebaut wurden, auf möglichst großer Fläche ein Höchstmaß an urbaner Langeweile zu verwirklichen. Der Traum vom eigenen Haus, der Canadian Dream, hat immer mehr Menschen in die ehemals landwirtschaftlich genutzten Gebiete geführt. Und das Resultat ist deprimierend. Die gleichförmigen Suburbs fressen sich unaufhaltsam weiter. Auch wer vom Zentrum Richtung Osten oder Westen fährt, wird auf 80 oder 100 Kilometer kein anderes Landschaftsbild finden.

Und es soll noch schlimmer kommen. Denn das wirtschaftlich vor Kraft strotzende Toronto wächst und wächst. Sowohl die eigentliche Stadt mit ihren 2,5 Millionen Einwohnern als auch die Greater Toronto Area (GTA), wo noch einmal so viele Menschen leben. Nach letzten Schätzungen werden im Jahr 2031 7,45 Millionen Menschen in der GTA wohnen.

Während die Stadt Toronto in etwa die Fläche Münchens besetzt, erstreckt sich die GTA auf einem Gebiet, das mit 7000 Quadratkilometern etwa halb so groß ist wie Schleswig-Holstein. In diesem Speckgürtel verzeichnen die kanadischen Statistiker Bevölkerungszuwächse wie sonst nur in den wuchernden Megastädten der Dritten Welt: teilweise bis zu 25 Prozent in den fünf Jahren zwischen 1996 und 2001. Die Folge ist eine Zersiedelung der Landschaft, die selbst für das zweitgrößte Flächenland der Welt auf Dauer nicht zu tolerieren ist.

Smart Growth soll das hypertrophe Stadtwachstum bremsen

Ein unabhängiges Institut hat ausgerechnet, dass bei anhaltendem Trend bis 2031 über 1000 Quadratkilometer Fläche – mehr als ganz Berlin – neu bebaut und der gesamte Straßenverkehr zwischen den Niagarafällen, Toronto und den östlichen Nebenzentren quasi zum Erliegen käme. Dabei würden schon heute die täglichen Staus, die Pendler Tag für Tag verursachen, als Grund für eine andere Wachstumsstrategie ausreichend.

Die Antwort auf das hypertrophe Wachstum der Städte lautet in Kanada mittlerweile „Smart Growth“. Dahinter verbirgt sich ein Konzept, dass in den 1990er Jahren in den USA entwickelt wurde, als Städte wie San Diego und Atlanta die Kosten ihrer räumlichen Ausbreitung massiv zu spüren bekamen. 1998 verabschiedete die Clinton-Regierung die „Livable Communities“-Initiative, um den öffentlichen Nahverkehr und die Revitalisierung von Brachflächen zu fördern. Gleichzeitig wurden Richtlinien für ein intelligenteres Wachstum der Städte festgelegt.

Die Regierung der Provinz Ontario, dessen Hauptstadt Toronto ist, hat die Smart-Growth-Idee aufgenommen und arbeitet seit 2002 an eigenen Konzepten. Darin werden Umwelt- und Naturschutz, Chancenzugang und Nachhaltigkeit, aber auch offene Planungsprozesse betont, an denen sich die Bürger beteiligen können. Insbesondere die Greater Toronto Area soll eine internationale Brücke nach Kanada werden – mit der Toronto-Waterfront als Visitenkarte einer „Weltklasse-Metropole“.

Den Strand zurück in die Stadt holen

An der Waterfront selbst ist noch nicht allzu viel von den großen Plänen zu entdecken. Erst wenige Projekte wurden bereits begonnen. Etwa die Modernisierung der Infrastruktur am Cherry Beach, einem der östlich des Zentrums gelegenen Strände. Bereits vor einhundert Jahren waren „The Beaches“ das beliebteste Naherholungsgebiet der Torontonians. Sogar eine eigene Streetcar-Linie wurde gebaut, um die Menschen an die Strände des Ontario-Sees zu bringen. Doch irgendwann endete der Cherry Beach als vergessener Sandstreifen inmitten eines eher unattraktiven Hafengebietes. Jetzt wird der Strand zurück in die Stadt geholt, denn in seiner Nachbarschaft, in den brach liegenden Gebieten des alten Hafens, den so genannten Portlands, sollen die neuen Wohnviertel der Waterfront entstehen. Die heißen „West Donlands“ oder „East Bayfront“. Und wenn man den bunten Plänen der Stadtplaner Glauben schenkt, werden sie von urbaner Qualität und Lebensfreude geradezu überquellen. Im Bereich West Donlands beispielsweise, etwas abseits des Hafens und nördlich des szenigen Distillery Distrikts gelegen, harren 30 Hektar Land einer besseren Zukunft. Neben dem dominierenden Mix aus Wohnbebauung und Gewerbe soll ein Viertel davon Parks und öffentlichen Flächen vorbehalten bleiben.

Überhaupt ist Toronto eine Stadt, die geradezu verrückt nach Parks ist. Schon heute gibt es nach offiziellen Angaben 1500 davon in der Stadt. Sie nehmen 18 Prozent der Fläche ein, sind von 187 Kilometern an Radwegen durchzogen und verfügen über 3 Millionen öffentliche Bäume. Mit dem Umbau der Waterfront werden noch einige hundert Hektar hinzukommen. 16 Hektar alleine durch den Commissioners Park in den Portlands, der als Landmarke und Erholungsraum bereits in Planung ist. Deutlich größer soll der Lake Ontario Park werden, ein Stück weiter außerhalb des Inneren Hafens, dem natürlichen Hafenbecken Torontos.

Neben neuen Parks will die Stadt aber auch 40 000 neue Häuser und Wohnungen sowie 7,6 Millionen Quadratmeter an neuen Gewerbeflächen für den angestrebten „Kreativitäts- und Innovations-Distrikt“ in den Portlands bereit stellen. Zudem soll der öffentliche Nahverkehr verbessert werden. Und: Das Fahrrad wird als Verkehrsmittel speziell gefördert. Überall entstehen neue Fahrradwege, nicht nur in den grünen Bereichen an der Waterfront, sondern auch an den Hauptverkehrsstraßen in der City. Das mag aus europäischer Perspektive nicht besonders aufregend klingen, für eine nordamerikanische Stadt stellt es jedoch eine echte Besonderheit dar. Zudem beweist es einmal mehr, dass Toronto die „etwas andere“ Metropole ist, in der die Menschen ein wenig lässiger und die Straßen auch bei Nacht immer noch deutlich sicherer sind als anderswo.

Etwa 18 Milliarden Euro sind für das gewaltige Umbauprogramm in den kommenden 30 Jahren vorgesehen. Doch der Geldfluss im politischen System, das ähnlich komplex und fast ebenso notorisch klamm ist wie in Deutschland, ist noch etwas schleppend. Im Frühjahr stand die TWRC sogar einmal kurz vor der Insolvenz. Robert Fung lässt sich allerdings davon nicht beeindrucken. Die große Vision von der Waterfront als „Gateway to the New Canada“ soll es nicht aufhalten.

 

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