Text für das Wirtschaftsmagazin BIZZ, Ende 2001. Nicht mehr erschienen, da die Zeitschrift Anfang 2002 eingestellt wurde. Interessant, dass ich hier die Genese der OLED-Displays (damals „das nächste große Ding“, und heute alltäglich!) recherchiert hatte. Das hatte ich zwischenzeitlich völlig vergessen.

 

 

Balsam für die Augen

Elekronische Tinte, Bildschirme aus Plastik und superscharfe Monitore. Neue Technologien versprechen eine bessere Sicht der digitalen Dinge

Alan J. Heeger, 65, ist ein moderner Alchimist. Vor etwa zwei Jahrzehnten schaffte er es, dass sich Plastik verhält wie Metall. In seinem Labor an der Universität im kalifornischen Santa Barbara tüftelte der Physiker so lange, bis seine Kunststoffe in der Lage waren, Strom zu leiten. Bis dahin ein Ding der Unmöglichkeit. Für dieses Kunststück erntete der Professor im Jahr 2000 den Chemie-Nobelpreis. Doch Heeger wäre kein echter Amerikaner und Alchimist, hätte er sein Wissen nicht auch zu Gold gemacht. In seinem 1990 gegründeten – und 2000 für eine ungenannte Summe an DuPont verkauften – Unternehmen Uniax brachte er seinen Polymeren das Leuchten bei. Und mit dieser Eigenschaft haben die kleinen Molekülketten das Zeug, unsere bisherigen Vorstellungen über Bildschirme aller Art gründlich über den Haufen zu werfen.

Displays aus Plastik, sogenannte OLEDs (Organic Light-Emitting Diodes), werden derzeit als nächstes großes Ding gehandelt. Neben Heeger arbeiten weltweit über 100 Firmen an ihrer Entwicklung. Bereits in fünf Jahren sollen damit, je nach Prognose, Umsätze zwischen 2 und 5 Milliarden Euro erzielt werden. Denn neue Bildschirme aus organischen Leuchtdioden versprechen Wunder. Dünn, farbig und preiswert werden sie sein. Extrem kleine Bildpunkte ermöglichen hohe Auflösungen. Die Reaktionszeit – wichtig vor allem für Video-Anwendungen – wird um den Faktor hundert schneller sein als bei bisherigen Flachbildschirmen. Außerdem man kann man sie auf biegsamen Unterlagen herstellen. Denn OLED-Dosplays bestehen nur aus ultradünnen Folien. Darin befinden sich spezielle Kunstoffpartikel, die unter Spannung zu leuchten beginnen. Diese Eigenschaft erspart auch stromhungrige Hintergrundbeleuchtungen, was besonders die Hersteller von Handys und PDAs begeistern dürfte.

Alles nur Zukunftsmusik? „Keineswegs. Die echte Serienproduktion steht quasi vor Tür“, weiß Eric Maiser vom Deutschen Flachdisplay-Forum (DFF) in Frankfurt. Er kennt die Roadmap der Unternehmen aus den USA, Japan, Korea und Taiwan genau: Ende 2002 werden die ersten monochromen Displays in Serie gehen. Im Jahresabstand folgen dann Farbige, solche auf flexiblen Unterlagen und schließlich, im Jahr 2005, Großflächige für PC-Monitore. Soeben hat Maiser die deutschen Unternehmen der Zukunfts-Branche unter einen Hut gebracht. Unter dem Arbeitstitel DORA, Deutsche OLED Referenz Anlage, soll noch in diesem Jahr eine deutsche Pilotfabrik entstehen. Das Ziel: Massenproduktion Made in Germany ab 2003.

Die beteiligten Firmen hält Maiser noch geheim, mit dabei ist jedoch auf jeden Fall die Frankfurter Covion. Als weltweit wichtiger Material-Zulieferer sitzt der ehemalige Hoechst Spin-off mit Unternehmen wie Philips oder der Heeger-Firma Uniax an einem Tisch, um OLEDs marktreif zu machen. Covion-Manager Olaf Gelsen, 38, ist begeistert über die Potenziale der neuen Technologie. „So wie das LCD-Display den Laptop möglich gemacht hat, so werden OLED-Bildschirme eine völlig neue Generation von mobilen Endgeräten hervorbringen“, verspricht Gelsen. Vor allem die Flexibilität des Materials inspiriert Designer zu immer neuen Visionen – bis hin zur Kugelschreiber-großen Hülle, in das sich das Display nach Gebrauch einwickelt.

Gegenüber den vielseitigen OLEDs werden die Anwendungen für eine andere Technologie, die digitale Tinte, eher bescheiden ausfallen. Zwar hat es die US-Firma E-Ink bislang hervorragend verstanden, ihre gleichnamige Technologie in den Medien bekannt zu machen, doch die Resultate der jahrelangen Forschungsarbeit reichen gerade einmal für elektronische Preisschilder im Supermarkt. Auf der Habenseite bei dieser Technik stehen ebenfalls geringer Stromverbrauch, hoher Kontrast und Biegsamkeit der Displays. Doch es gibt ein großes Manko: Bildschirme aus elektronischer Tinte können maximal zwei Farben darstellen. Bei E-Ink schwimmen kleine Farbpigmente in einer Flüssigkeit und lagern sich je nach anliegender Spannung oben oder unten ab. So erzeugt E-Ink entweder helle oder dunkle Pixel, aus denen sich ein Bild zusammensetzt.

Trotz des Nachteils wird digitale Tinte Anwendungsbereiche finden. So könnten elektronische Bücher, bislang ein Krisengeschäft, wesentlich von der neuen Technik profitieren. Denn die ultraflachen E-Ink Bildschirme lassen sich theoretisch auch auf Papier drucken. Für den Beginn der geplanten Serienproduktion im kommenden Jahr werden solche anpruchsvollen Anwendungen allerdings noch keine Rolle spielen.

Bei all dem Hype um Bildschirme aus Plastik oder digitaler Tinte gerät die heutige Standard-Technologie der LCD-Bildschirme schnell aus den Augen. Doch auch hier ist die Entwicklung noch nicht am Ende. Erst vor wenigen Monaten stellte IBM den bislang schärfsten LCD-Monitor der Welt vor. Mit 200 ppi (Pixel pro Zoll) Auflösung geht das Display an die Grenzen der menschlichen Wahrnehmungsfähigkeit. Schärfer kann das Auge nicht sehen. Entwickelt wurde das T 221 – Codename „Roentgen“ – unter Verwendung neuer Materialien. Statt der traditionell benutzten Metalle Molybdän und Wolfram verwendeten die IBM-Forscher Aluminium – und gelangten so zu kleineren Bausteinen.

Das 22-Zoll-Display wird bislang jedoch nur an wissenschaftliche Einrichtungen wie das Lawrence Livermore National Laboratory in Kalifornien ausgeliefert. „Das T 221 richtet sich in erster Linie an Mediziner, Meteorologen, Grafiker und Konstrukteure. Konkrete Planungen, diese Technologie für den Consumer-Bereich bereitzustellen, bestehen derzeit nicht“, enttäuscht Felix Rümmele, Marketing-Direktor PC bei IBM-Deutschland, allzu große Hoffnungen. Für den ultimativen Kick am Heim-PC dürfte das IBM-Display mit einem Stückpreis von über 20 000 Euro zudem auch etwas zu teuer sein.

(geschrieben vermutlich Ende 2001)

 

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