Erschienen: September 2003

Ich-AG

Die Kraft der Kleinen

Mehr als 50.000 Ich-AGs sind seit Jahresbeginn in die Selbstständigkeit gestartet. Trotz Krise. Das macht Hoffnung auf noch mehr.

Nach acht Monaten kann Bettina Schilling wieder gut schlafen. Sie war eine der ersten Ich-AGs des Landes, und ihre schlimmsten Ängste haben sich nicht erfüllt: Das Geld ist ihr nicht ausgegangen, viele ihrer ersten Kunden kommen jetzt immer wieder, und das Sommerloch hat in ihrem kleinen Modegeschäft Narino im Hamburger Stadtteil Barmbek einfach nicht stattgefunden. Die 37-jährige Designerin ist nicht nur zufrieden mit der Arbeit, sondern mittlerweile auch von ihrem Erfolg überzeugt: „Ich habe jetzt das Gefühl, es wird schon gehen.“

Im Dezember 2002 hatte Bettina Schilling ihren Job als Kellnerin verloren. Doch in die Arbeitslosigkeit zu fallen wäre für die gelernte Schneiderin „ein Horror“ gewesen. So fasste sie sich ein Herz und verwirklichte, was sie schon immer wollte: einen eigenen Laden, in dem sie ihre selbst entworfenen Kleider nähen und an die Frau bringen konnte. Zehn Wochen brauchte sie, um die erste Narino-Kollektion zu produzieren und ihr Geschäft im Souterrain einzurichten. Eine kritische Phase ohne Umsatz, in der die 600 Euro, die ihr das Arbeitsamt monatlich überweist, nicht einmal für die nötigsten Ausgaben reichten. Überstanden hat sie die Zeit mit 2.000 Euro vom Sparbuch und viel Unterstützung aus der Familie.

Nach neun Monaten Ich-AG hat Bettina Schilling ihre ersten Umsatzziele sogar übertroffen. Ohne den Existenzgründungszuschuss, wie die Ich-AG-Förderung offiziell heißt, käme sie zwar noch nicht über die Runden, aber ihr „gefühltes Einkommen“ – „abgerechnet wird ja erst am Jahresende“ – liegt jetzt über dem in ihrer Zeit als Kellnerin. Wenngleich der Stundenlohn deutlich niedriger sein dürfte: Morgens um zehn betritt sie ihren Laden, vor zehn Uhr abends kommt sie selten heraus.

Mitten in der Krise gibt es einen Gründungsboom

Erfolgsgeschichten wie die von Bettina Schilling machen derzeit auch Wirtschafts- und Arbeitsminister Wolfgang Clement froh. Während sich die hochfliegenden Pläne der Hartz-Kommission nur als fromme Wünsche erweisen, scheint sich zumindest die Hoffnung auf 200.000 neue Kleinstunternehmen zu erfüllen. Denn mitten in der Wirtschaftskrise ist ein kleiner Gründungsboom ausgebrochen. Bis Ende August nahmen 51.163 Arbeitssuchende den mit den Hartz-Reformen eingeführten Existenzgründungszuschuss in Anspruch. Pro Monat unterstützen die Arbeitsämter derzeit über 9.000 neue Ich-AGs. Bleibt es dabei, werden bis Ende des Jahres noch einmal knapp 40.000 hinzukommen.

Entsprechend erfreut kommentiert Clement die Zahlen: „Ich bin von den Ich-AGs sehr angetan. Es zeigt sich, dass auf diese Weise Menschen unternehmerische Ideen entwickeln, auf die niemand gekommen wäre, wenn wir dieses Instrument nicht hätten.“ Der Bundeswirtschaftsminister rechnet damit, dass etwa zwei Drittel der Unternehmen überleben und innerhalb der ersten drei Jahre ein bis zwei Arbeitsplätze pro Betrieb schaffen werden.

Dass sich diese Hoffnung tatsächlich erfüllt, bezweifeln Arbeitsmarktexperten. Aber sie erkennen an, dass der Rummel um das plakative Konzept tatsächlich viele Arbeitslose über die Schwelle zur Selbstständigkeit gelockt hat.

Neben den mehr als 50.000 Gründern von Ich-AGs entschlossen sich seit Januar über 105.000 Erwerbslose für eine Existenzgründung mit Überbrückungsgeld – ein Plus von 31,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Ich-AGs als „Experimentierfeld“

Auch harsche Kritiker der Hartz-Reformen wie der Erlanger Sozialwissenschaftler Hermann Scherl müssen jetzt Irrtümer einräumen. Scherl hatte prognostiziert, dass die unkomplizierte Ich-AG dem Überbrückungsgeld die Interessenten wegschnappen würde. Die gegenwärtige Entwicklung, so redet sich der Professor nun heraus, lasse sich nur durch „starke Medienresonanz“ erklären.

Holger Schäfer, Arbeitsmarktexperte beim Institut der deutschen Wirtschaft in Köln, hält die Ich-AG „nicht für das schlechteste Mittel“. Aus dem Mund eines Ökonomen, der aktive Arbeitsmarktpolitik weitgehend für Teufelszeug hält, gilt das vorsichtige Lob schon fast als „summa cum laude“.

Der Wirtschaftsexperte warnt jedoch vor allzu großem Optimismus: „Unsere Studien zeigen, dass nur ein Viertel aller neu gegründeten Unternehmen langfristig überlebt.“ Für die Ich-AGs rechnet er – im Gegensatz zu Arbeitsminister Clement – sogar mit einer noch schlechteren Quote.

Der Grund: Viele dieser Existenzgründungen entstehen aus einer „Ökonomie der Not“, wie Frank Wießner vom Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit sagt. „Wo besonders hohe Arbeitslosigkeit herrscht“, so Wießner, „versuchen sich viele in die Selbstständigkeit zu retten.“ Und treffen häufig auf ein schlechtes Marktumfeld. Sein Chef Florian Gerster, kein ausgewiesener Freund der Hartz-Reformen, nennt die Ich-AGs denn auch ein „Experimentierfeld“. Sie müssen nicht einmal einen Businessplan vorlegen, um Zuschüsse aus öffentlichen Kassen zu bekommen. Leichtes Geld also, das möglicherweise unwirtschaftlich eingesetzt wird?
Manche fürchten eine Schmutzkonkurrenz

Praktiker wie Hajo Streitberger stellen allerdings bei angehenden Ich-AGlern „eine erstaunliche Informationshöhe“ fest. Der Leiter des Hamburger Gründungszentrums Enigma gilt als einer der Experten für Existenzgründungen aus der Arbeitslosigkeit. In den vergangenen sieben Jahren hat er Hunderte kleiner Start-ups begleitet. Ab Oktober beginnt er ein Pilotprojekt, um etwa 100 Ich-AGs in Abendkursen und Wochenendseminaren mit unternehmerischem Basiswissen auszustatten und zu coachen. Denn, so Streitberger: „Ein guter Unternehmer holt sich Beratungsleistungen, das müssen die Ich-AGs erst noch lernen.“

Es gibt auch andere Erfahrungen. Bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi sieht man die neuen Mikro-Unternehmer sehr kritisch. „Viele Umsteiger, die sich bei unserer Selbstständigen-Beratung Mediafon melden, wollen ‚irgendwas mit Medien‘ machen“, berichtet Veronika Mirschel, Referentin für Selbstständige bei der Verdi-Bundesverwaltung, „haben aber nicht die geringste Ahnung.“ Mirschel befürchtet jetzt das Entstehen einer „Schmutzkonkurrenz“, die mit den öffentlichen Mitteln der Ich-AG etablierte Freiberufler mit Dumpingpreisen ausbootet.

Sich als „Schmutzkonkurrenz“ zu betrachten ist der Designerin Bettina Schilling bislang noch nicht in den Sinn gekommen. Überhaupt kann sie über die vielfach anzutreffende Häme gegenüber den Ich-AGs nur den Kopf schütteln. Sie fühlt sich gut und hat Spaß daran, ihr „eigenes kleines Ding zu machen“.

Auf Anfragen aus dem Freundeskreis, wie man das denn nun am besten anstellen solle mit der Ich-AG, hat die Mode-Designerin eine Standardantwort parat: „Das muss man selbst herausfinden.“ Denn wer sich den Weg von anderen ebnen lassen möchte, findet sie, wird in der Selbstständigkeit nicht weit kommen. Auch nicht mit Geld vom Amt.

Torsten Meise/Sven Rohde

Der Text bei stern.de