MPC Life 2/2004

veröffentlicht in MPCLife, 2/2004

von Torsten Meise

 

Vor 25 Jahren öffnete sich das Reich der Mitte dem Kapitalismus. Heute ist der Einfluss der Niedriglohn-Weltfabrik bereits überall zu spüren. Doch das ist nur der Anfang.

Man kann Eulen nach Athen tragen. Oder Porzellan nach Peking. Doch für die Höchster Porzellan-Manufaktur, ein Traditionsunternehmen aus Frankfurt, steckt derzeit nichts Absurdes hinter dem Gedanken, handgearbeitetes Tee-Geschirr und mit chinesischen Motiven bemalte Döschen vom Main in die Heimat der Porzellankunst zu exportieren. „Wir wollen in den chinesischen Markt einsteigen“, hat Geschäftsführer Jörg Köster unlängst beschlossen. Besonders auf Peking und Shanghai hat es der Manager abgesehen. „Wenn es reiche Leute mit Begehrlichkeit nach Luxusprodukten gibt“, will er herausgefunden haben, „dann wohnen sie in diesen beiden Städten“. Immerhin 50 Mitarbeiter versprechen sich von dieser Prognose eine dauerhafte Sicherung ihrer Arbeitsplätze.

MPC Life 2/2004

MPC Life 2/2004

Ganz andere Gefühle treiben dagegen die 850 Beschäftigten des Nähmaschinenherstellers Pfaff in Kaiserslautern um, wenn sie an China denken. Anfang März nämlich verkündete die Unternehmensleitung, die Produktion fast vollständig in das Niedriglohnland zu verlegen. Anfänglich sollten 450 Mitarbeiter die Kündigung erhalten. Nach heftigen Protesten revidierte Pfaff seinen Plan. Jetzt sollen „nur noch“ 250 Arbeitsplätze wegfallen.

So wie die Höchster Porzellan-Manufaktur und Pfaff sondieren gerade Tausende deutscher Mittelständler das Reich der Mitte. Die einen erkunden Wege, ihre Produkte an den chinesischen Konsumenten zu bringen. Andere wollen outsourcen, um im globalen Wettbewerb mithalten zu können. Alle jedoch wollen teilhaben an dem sensationellen Boom, durch den die chinesische Wirtschaft längst zu einem der wichtigsten Player in der globalen Ökonomie geworden ist.

Die Großkonzerne haben die Bedeutung Chinas schon lange erkannt. Jetzt wollen die Kleinen es nachmachen. „Wir registrieren ein steigendes Interesse an China, gerade beim Mittelstand“, berichtet Thomas Sturm, China-Experte beim Ostasiatischen Verein (OAV) in Hamburg. Der Verband unterstützt deutsche Unternehmen beim Auf- und Ausbau von Geschäftsbeziehungen im asiatisch-pazifischen Raum. Der OAV registriert sensibel, dass immer mehr deutsche Unternehmen einen Teil vom jenem Kuchen abhaben wollen, dessen Zutaten vor 25 Jahren zusammengerührt wurden.

Damals, 1979, geschahen zwei bemerkenswerte Dinge. Maos einflussreichster Erbe, der langjährige Parteivorsitzende Deng Xiaoping, reiste in die USA und setzte sich vor laufender Kamera einen Cowboyhut auf. Sein verschmitztes Lächeln brachte ihm die Sympathien des Westens. Und es warb für die andere bemerkenswerte Sache, die ihm noch niemand wirklich glaubte: In ausgesuchten Regionen wollte das von Kulturrevolution und Machtkämpfen zerrissene China mit dem Kapitalismus experimentieren.

MPC China-Spezial 2004

MPC China-Spezial 2004

Wer immer damals den Plan der Pekinger Führungsriege für einen Scherz hielt, dem sollte das Lachen schon bald vergehen. Mit beinahe irrwitziger Energie peitschte China seine Sonderwirtschaftszonen und „offenen Städte“ nach vorne. Weder das 1989er Tiananmen-Massaker noch die Asien-Krise 1997 oder die SARS-Epidemie in 2003 konnten den Aufstieg Chinas zur wirtschaftlichen Supermacht stoppen, allenfalls ein wenig verlangsamen. Das Resultat: Regelmäßiges Wirtschaftswachstum von 8 oder 9 Prozent, glitzernde Megastädte und ausländische Investitionen von 52,7 Milliarden Dollar in 2002 – mehr Auslandskapital absorbiert kein anderes Land. Derzeit beherbergt China 450 000 Unternehmen, an denen ausländisches Kapital beteiligt ist. Das gesamte Import- und Exportvolumen des Landes liegt mittlerweile bei über 500 Milliarden Dollar. Auf der internationalen Handelsrangliste ist China damit auf Platz sechs, bei den Exporten sogar auf Platz vier vorgerückt. Schätzungen zufolge trägt das Land mit 17,5 Prozent zum Wachstum der Weltwirtschaft bei. 40 Prozent der Weltproduktion an Zement, 25 Prozent der weltweiten Produkion von Stahlwalzgut werden in China verbraucht. Bis 2005 will China die Stahlproduktion von derzeit 250 auf 330 Millionen Tonnen Stahl steigern. Doch dazu müsste es 342 Millionen Tonnen Erz importieren – 200 Millionen Tonnen mehr, als der Weltmarkt derzeit hergibt. Der Rohstoffhunger Chinas hat mittlerweile zu Preisexplosionen bei Koks und Frachtraten geführt.

Die Realität hinter diesen Zahlen spürt man vor allem in den Wirtschaftszentren. In der Hauptstadt Peking, in Shanghai oder im Perlflussdelta, dem chinesichen Festland nördlich von Hongkong. Hier sind in den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten die Wachstumsmotoren der chinesischen Wirtschaft entstanden.

Nördlich von Peking etwa, im Haidan Distrikt, liegt das Silicon Valley Chinas: Zhongguancun. Ein Name, den man sich merken sollte, auch wenn es schwer fällt. Vor zwanzig Jahren stand er lediglich für einen Platz, an dem ein paar chinesische Staatsbetriebe westliche Elektronik nachbauten. Doch im Mai 1988 entschied die Regierung, an dieser Stelle die Haidan Experimentierzone einzurichten. Seither ist in Zhongguancun eine Hochtechnologie-Landschaft entstanden, die keinen Vergleich scheuen muss. 1000 internationale Konzerne sind vor Ort, darunter IBM, Microsoft, HP, Oracle, Cisco oder Motorola. Hinzu gesellen sich 4800 chinesische High-Tech-Firmen, Hochschulen und ein brandneuer Life-Science-Park für Gen-Ingenieure und Bio-Computerchip-Entwickler.

Peking selbst putzt sich derweil für die Olympischen Spiele im Jahr 2008 heraus. Was in der internationalen Architekten-Szene Rang und Namen hat, verwirklicht derzeit in der Hauptstadt die kühnsten Entwürfe: Rem Koolhaas, Norman Foster oder I. M. Pei. Das australische Büro PTW ersann für die olympische Schwimmhalle eine transparente Hülle, die – von innen beleuchtet – wie ein gefrorener Eiswürfel in die Nacht hinaus schimmern wird. „Die Chinesen verlangen extreme Gebäude, die Peking einen Platz auf der Landkarte sichern“, fasst Star-Architektin Zaha Hadid ihre China-Erfahrungen zusammen.

Geld spielt keine Rolle, wenn es um die Modernisierung der so genannten Schaufenster-Städte geht. Schon gar nicht in Shanghai, der 17-Millionen-Metropole an der Mündung des Jangtse. Hier werden die meisten westlichen Investoren an Land gespült. Und sie sollen ein Umfeld erhalten, wie es nirgendwo sonst auf der Welt zu erleben ist. Vom historischen Gründungsbüro der Kommunistischen Partei Chinas über den Transrapid bis hin zum Jin Mao Tower, dem derzeit wohl schönsten Wolkenkratzer der Welt.

Im Jahr 2010 findet in Shanghai die Weltausstellung statt. Es wird wohl eine Show sein, für die noch ein Superlativ erfunden werden muss. Denn die Ausmaße der Modernisierung Shanghais sind zumindest mit europäischen Maßstäben nicht mehr zu messen. Wer kann sich vorstellen was es bedeutet, auf 5800 Hektar eine völlig neue Autostadt mit Produktionshallen, Wohnvierteln und Formel-1-Strecke zu planen, wie es die Frankfurter Architekten Albert Speer und Partner derzeit tun? Oder wie wird die kreisrunde, für eine halbe Million Bewohner ausgelegte Hafen-City Luchao aussehen, die der Hamburger Architekt Meinhard von Gerkan als eine Mischung aus Legoland, Antlantis und Copacabana am Rande der Metropole plant?

Vielleicht wie Shenzhen, die erstaunlichste und zumindest bei uns wohl unbekannteste Megacity Asiens. Vor 25 Jahren noch ein Fischerdorf, heute eine Stadt mit 9 Millionen Einwohnern. „Reichtum ist ruhmvoll“, verkündete Deng Xiaoping, als er hier 1979 die erste Sonderwirtschaftszone des Landes schuf. Und seine Landsleute verstanden. Im Perlflussdelta mit seinen beiden Metropolen Shenzhen und Guangzhou befindet sich heute das Zentrum der exportorientierten Leichtindustrie Chinas, das Herz der Weltfabrik.

In Hamburg, dem wichtigsten Hafen des europäischen China-Handels, ist der Aufschwung besonders deutlich zu spüren. Allein von 2002 auf 2003 verzeichneten die Hanseaten einen Zuwachs im China-Geschäft um 30 Prozent. 1,36 Millionen TEU, die Standardeinheit für einen Container, wurden 2003 im Geschäft zwischen Deutschland und China in Hamburg umgeschlagen. 505.000 TEU, vor allem Maschinen und Ausrüstung, gingen nach China. 854 000 TEU landeten auf den Terminals an der Elbe – in der Regel Fertigwaren, Bekleidung, Nahrungsmittel, Maschinen, Möbel und natürlich Elektroartikel. „Der Anteil chinesischer Fabriken am weltweiten Ausstoß von Kühlschränken, Klimaanlagen und Kameras liegt schon heute bei 30 bis 50 Prozent“, erläutert OAV-Experte Sturm.

Auch für den Hamburger Hafen ist China der wichtigste Wachstumsmotor. Über 20 Prozent des gesamten Hafengeschäfts wird im Chinahandel gemacht. Bald täglich laufen Hochseeriesen aus dem Fernen Osten ein. Vor allem aus Hongkong, dem größten Containerhafen der Welt. Aber immer öfter auch aus Shanghai und Shenzhen, den jungen Wilden im globalen Seehandel. Bereits heute sind sie die Nummer drei und vier der größten Containerumschlagplätze der Welt. Tendenz: rasant steigend. „Shanghai und Shenzhen werden schon bald an Hongkong vorbeiziehen“, prognostiziert Klaus-Dieter Hagemann, Marktforscher beim Hamburger Hafen. Und ein Blick auf die Statistiken macht tatsächlich schwindelig: Innerhalb von nur zwei Jahren, zwischen 2001 und 2003, hat der Hafen Shenzhen sein Warenvolumen von 5 auf 10 Millionen TEU verdoppelt. Einen besseren Indikator für die rote Power wird man nur schwerlich finden.

Kaum eine Volkswirtschaft, die nicht die Folgen der massiven Industrialisierung des ehemaligen Bauernstaates zu spüren bekommt. In Indien, dem anderen Milliarden-Volk Asiens, befürchten die gerade neu entstandenen High-Tech-Zentren wie Bangalore, dass sie die mühsam im Westen akquirierten Aufträge schon bald an das noch billigere China verlieren werden. In Japan freute sich Premierminister Koizumi kürzlich über das erste Wirtschaftswachstum seit Jahren, aber seine Ökonomen rechneten ihm vor, wem es zu verdanken sei: dem Rivalen China. Galt der Nachbar bislang lediglich als Jobkiller, so müssen die Japaner jetzt einräumen, dass sie massiv von der wachsenden chinesischen Nachfrage – vor allem nach High-Tech – profitieren.

Ganz ähnlich sieht es in Deutschland aus. Während die Politik noch darüber lamentiert, ob es unpatriotisch sei, Arbeitsplätze ins Ausland zu verlagern, ist die Wirtschaft längst dabei, China mit Produktionsanlagen und Know-how aufzurüsten. Nach Berechnungen des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbauer ist China nach den USA und Frankreich der drittgrößte Absatzmarkt für Deutschlands Vorzeigebranche. „Besonders dynamisch“, so Thomas Sturm vom OAV, „entwickelt sich der Bedarf an Werkzeug- und Papiermaschinen.“ Bei Textilmaschinen ist China längst Abnehmer Nummer eins.

Und die Aufrüstung geht weiter. Denn China will nicht auf ewig nur billiges Kinderspielzeug und einfache Konsumgüter verkaufen, es will in die erste Liga. Das „Upgrading“, wie Wirtschaftsexperten sagen, hat längst begonnen. Und neben den USA und Japan ist es vor allem die Asienwirtschaft des Exportweltmeisters Deutschland, die dabei gewinnt.

Doch bevor China die Welt auch mit High-Tech-Produkten überschwemmt, muss das Land zunächst seine eigenen Probleme in den Griff bekommen. Denn die Risiken des Kader-Kapitalismus werden allzu leicht übersehen. So gilt das chinesische Bankenwesen als zutiefst marode. Viele Geldhäuser sitzen auf faulen Krediten. Zahlreiche Ökonomen sehen darin eine tickende Zeitbombe. Zudem hat der ungezügelte Boom in den letzten Jahrzehnten zu erheblichen Umweltbelastungen geführt.

Die meisten Sorgen bereitet den Chefplanern in Peking derzeit allerdings das Wohlstandsgefälle zwischen den prosperierenden Küstenstädten und dem Hinterland. Denn immer noch leben 900 Millionen Chinesen von der Landwirtschaft. Und die Bauern sehen kaum etwas vom neuen Reichtum. Ihr Einkommen beträgt weniger als ein Euro pro Tag. Damit das Land nicht vollends auseinander reißt, hat der Chinesische Volkskongress in diesem Frühjahr erstmals vor einer Überhitzung der Konjunktur gewarnt und beschlossen, das Wirtschaftswachstum zu zügeln. Nach 9,1 Prozent in 2003 soll es in diesem Jahr nur rund sieben Prozent betragen. Ob die Beschlüsse helfen, darf bezweifelt werden. Im ersten Quartal 2004 wuchs Chinas Wirtschaft bereits wieder um 9,7 Prozent.

Unterstützung bei der Entwicklung weiterer Regionen kommt allerdings von den ausländischen Investoren. Denen werden die funkelnden Zentren wie Shanghai oder Shenzhen nämlich langsam zu teuer. Immer mehr westliche Unternehmen siedeln sich in den bislang weitgehend übersehenen Millionenstädten wie Dalian, Wuhan oder Tianjin an. Auch in Shanghai ist derzeit zu beobachten, wie die arbeitsintensiven Branchen ins Hinterland abwandern, wo die Standortkosten geringer sind.

Ganz neue Perspektiven eröffnet zudem der viel diskutierte Drei-Schluchten-Staudamm am Jangtse. Was immer das Projekt auch Negatives für die Naturschönheit und die 1,8 Millionen umgesiedelten Menschen bedeuten mag, auf jeden Fall wird er Zentralchina dem Rest der Welt ein wenig näher bringen. Denn jetzt können auch Hochseefrachter direkt bis nach Chongqing gelangen, einer Metropolregion mit 30 Millionen Bewohnern. Die Stadt verfügt jetzt über den einzigen Tiefseehafen, der über 2000 Kilometer vom Meer entfernt ist.

Besonders beliebt ist neuerdings auch Qingdao. Die 6,6-Millionen-Stadt in der Provinz Shandong gehörte zwischen 1898 und 1917 – damals noch unter dem Namen Tsingtau – zum Kaiserreich. Viele Spuren zeugen bis heute von der deutschen Kolonialgeschichte. Unter anderem ein für China eher ungewöhnliches Produkt: Bier. Das ließ die Germania Brauerei hier ab 1903 nach deutschen Rezepten brauen. Später entwickelten es die Chinesen zur berühmtesten Biermarke des Landes. Als Tsingtao-Bier ist es bis heute weltbekannt. Und ein nicht zu unterschätzender Standortvorteil für deutsche Investoren.

 

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MPCLife ist das Kundenmagazin der MPC Münchmeyer Petersen Capital AG, dem größten deutschen börsennotierten Emissionshaus.

 

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