aus: concepts by HOCHTIEF, Ausgabe 2/2016

Interview: Torsten Meise

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„Ohne BIM hätte die Elbphilharmonie nie gebaut werden können“

Hinter dem Begriff Building Information Modeling (BIM) verbergen sich digitale Planungs- und Produktionsprozesse auf der Grundlage von 3D-Modellen. Dirk Schaper, Geschäftsführer des BIM-Dienstleisters HOCHTIEF ViCon, erläutert, warum „Build digitally first“ immer mehr zum Alltag im Bauwesen wird. Und warum der Elbphilharmonie-Entwurf der Architekten Herzog & De Meuron mit konventionellen Mittel nicht hätte realisiert werden können.

concepts-Interview über BIM

concepts-Interview über BIM

concepts Herr Schaper, mit der Elbphilharmonie ist ein Großprojekt fertig geworden, das nicht unerheblich auf BIM-Basis errichtet wurde. Was war der Grund dafür?

Dirk Schaper: Von Beginn an gab es zahlreiche 3D-Modelle der Archtiekten von Herzog & de Meuron, vor allem für die vielen Freiformflächen. Das sind frei gestaltelte Flächen, die nur schwer beschreibbar sind. Diese Modelle haben wir schon am Anfang des Planungsprozesses bekommen und uns überlegt, was  wir damit machen.

concepts Gab es da BIM überhaupt schon?

Schaper Wir sprechen über das Jahr 2006, damals waren wir mit ViCon noch in den Kinderschuhen. Aber wir haben seinerzeit zwei Anwendungsfälle für die Elbphilharmonie spezifiziert. Erstens die 4-D-Bauablaufplanung, also 3-D plus Zeit. Das war ein digitaler Terminplan, verlinkt mit einem 3-D-Modell. Der zweite Anwendungsfall war die Kollisionsprüfung für die Technische Gebäudeausrüstung. Hierzu wurde ein konsolidiertes 3-D-Modell von allen Gewerken erstellt – das war etwas ganz Neues. Wir haben dort beim Planen mehrere tausend Konflikte gefunden und gelöst, bevor sie in der Praxis zum Problem werden konnten. Das ist in 2D nicht möglich, schon gar nicht bei so komplexen Projekten.

concepts Gab es später weitere Anwendungen?

Schaper Von den beteiligten Unternehmen wurden noch weitere hinzugefügt, ja. Zum Beispiel bei der Fertigung der Weißen Haut. Das 3-D-Shaping der Elemente durch CNC-Maschinen wurde direkt aus den digitalen Modellen generiert. Auch die Schalungen für die Foyertreppe wurden direkt aus dem Modell gemacht. Auch das sind Freiformflächen, da kann man die Schalungen nicht „einfach mal zimmern“. Das geht ebenfalls nur über CNC-Maschinen.

concepts So etwas hätte man ohne die digitalen Hilftsmittel von BIM nicht hinbekommen?

Schaper Nein, dies ist meiner Meinung nach ohne 3-D nicht zu fertigen. Insgesamt gilt, und da sind sich alle einig: Ohne 3-D-Unterstützung hätte man die Elbphilharmonie nicht bauen können. Noch ein Beispiel: Die Lagegenauigkeit der großen Lüftungsrohre außerhalb des Konzertsaals musste beim Einbau exakt überprüft werden, denn sie ist hinterher nicht mehr zu ändern. Das sind schwere Einzelteile, und wenn die falsch positioniert werden, kann es später ungewollte Geräusche geben. Das möchte man in einem Konzertsaal vermeiden. Deshalb wurde von allen Rohren ein Laserscan gemacht. Die Daten des Scans wurden in das 3-D-Modell geladen und man erkannte sofort mögliche Unterschiede zwischen Planung und Istzustand.

concepts Die Reformkommission „Bau von Großprojekten“ hat empfohlen, zukünftig BIM sehr intensiv zu nutzen. Werden Probleme bei Planung und Bau durch die digitalen Modelle verschwinden?

Schaper Jein. BIM ist kein Allheilmittel für die Bauwirtschaft. Der Bauvertrag ist in seiner Wichtigkeit weit höher einzuschätzen als BIM. Die Lieferleistungen der verschiedenen Beteiligten müssen aufeinander abgestimmt sein und Sinn ergeben. BIM ist eine Methode zum Abwickeln und zur Erstellen eines Produktes, es ist ein Hilfsmittel. BIM schafft mehr Transparenz, minimiert Risiken, beschleunigt die Abwicklung und gibt Kostensicherheit, also alles, was man sich als Bauherr wünscht. Aber die Verträge müssen aufeinander abgestimmt sein.

concepts BIM wird auch als „Bauen 4.0“, als große Modernisierungshoffung beschrieben. Wie schätzen Sie die Entwicklung ein?

Schaper In sieben bis zehn Jahren werden wir in der Bauwirtschaft eine ganz andere Wirklichkeit haben. Dann wird es zum Beispiel elektronische Ausschreibungsunterlagen geben. Wer die nicht verarbeiten kann, sitzt da wie jemand der versucht, mit einem Faxgerät eine E-Mail zu beantworten. Alle Aspekte des Planens und Bauens werden bald miteinander vernetzt sein: Planung, Gewerke-Kollisionsprüfung, Fertigung, Zugangskontrolle, Terminlogistik, Just-in-Time-Delivery, Lagerflächenmanagement, Materialtracking, Einbaukontrolle, Qualitätssicherung und so weiter. Dies wird viel schlanker werden, denn bislang werden all diese Aspekte unabhängig voneinander gemanagt. Das ist ein enormes Produktivitätspotenzial.

concepts Reden wir dabei nur über Großprojekte?

Schaper Das wird alle Projekte betreffen, bis hin zum Einfamilienhaus. BIM wird auch für normale Architekten zum Standard werden. Die 2-D-Planung wird ersetzt durch das 3-D-Modellieren, wie zuvor das Zeichenbrett ersetzt wurde durch eine digitale 2-D-Planung. Alle zukünftigen Architekten, die jetzt aus dem Studium kommen, werden in 3-D arbeiten.

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Zur Person:

Dirk Schaper ist Geschäftsführer der HOCHTIEF ViCon GmbH. Das Unternehmen ist seit 2007 ein führender Dienstleister und Berater für virtuelles Bauen bzw. Building Information Modeling (BIM). Mit derzeit ca 60 Mitarbeitern ist ViCon an den Standorten Deutschland, Großbritannien, Katar und Indien präsent und auch an Projekten in Australien beteiligt. 85 Prozent der ViCon-Kunden kommen von außerhalb des HOCHTIEF-Konzerns.